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Test: Saucony ProGrid Kinvara 3 – Ein Hauch von Nichts für alle Streckenlängen

Update vom 01.05.2013: Der finale Testlauf und die Wertung wurden hinzugefügt.

Ich hatte ja vor einigen Tagen von meiner – mittlerweile sehr leidvollen – Suche nach dem richtigen Wettkampfschuh für mein Projekt „Heimspiel“ berichtet. Nach vielem hin und her hatte ich mich schließlich entschieden, dem Saucony ProGrid Kinvara 3 eine Chance zu geben. Dumm nur, dass es den Schuh in meiner Größe nicht mehr gab. Mehr oder weniger durch Zufall bin ich einige Tage später bei mysportbrands.de über eine Sonderaktion für Laufschuhe gestolpert, in der es den Schuh tatsächlich in der europäischen Größe 47 (US 12,5) gab. Ich habe natürlich sofort bestellt und im Rahmen der beschriebenen Lieferzeit kam das Paket mit dem Schuh vor zwei Tagen bei mir an.

An dieser Stelle wurde ich kurz stutzig. Davon ausgehend, dass sich im Versandkarton noch der Schuhkarton samt des bestellten Paars Schuhe befinden muss, kam mir das Paket ziemlich leicht vor. Ein Blick in’s Innere verschaffte mir allerdings Beruhigung. Tatsächlich: Zwei Schuhe, ein linker und ein rechter. Was will ich damit sagen? Der Saucony ProGrid Kinvara 3 ist ein absolutes Leichtgewicht. Der Hersteller gibt ein Gewicht von 218 Gramm pro Schuh in der US-Größe 9 an. In meiner Größe 12,5 sind es ungefähr 50 Gramm mehr, aber überhaupt kein Vergleich zu meinem Trainingsschuh von Adidas, der ziemlich exakt 100 Gramm zusätzliches Gewicht pro Schuh aufweist.

Der erste Eindruck
Das Obermaterial des Saucony ProGrid Kinvara ist dünn und leicht. Der sogenannte Flexfilm hat eine für mich gänzlich neue Haptik, was die Außenhaut eines Laufschuhs betrifft. Er umschließt das sehr luftige Meshgewebe des Schuhs in Zebrasteifenform. Zwischen den einzelnen Flexfilmstreifen ist also nur das Meshgewebe. Das führt zum einen dazu, dass durch die Materialeinsparung Gewicht eingespart werden konnte, zum anderen bedingt diese Bauweise beim Abrollvorgang einen Faltenwurf. Dieser wirkt sich aber beim Laufen nicht störend aus, er ist lediglich bemerkenswert bzw. merkwürdig. Im Übrigen ist dieses „Phänomen“ beim Mittelfußlauf deutlich weniger ausgeprägt als beim kompletten Abrollvorgang von der Ferse bis zum Vorderfuß. Die Farbgebung meiner Variante finde ich richtig gut, es gibt noch eine Vielzahl weiterer Designkombinationen. Auf jeden Fall hat man hier einen Schuh, der auch optisch ordentlich was hermacht. Aber Aussehen ist ja bekanntlich nicht alles.

Passform
Die Findung der richtigen Größe eines Laufschuhs ist ja für mich mittlerweile zur Wissenschaft geworden. Jeder Hersteller trägt sich anders, Größenunterschiede von 1-2 vollen Nummern sind bei mir keine Seltenheit. Bei Adidas fahre ich mit 46 2/3 meist sehr gut, auch wenn meine Alltagsschuhe zumeist zwischen 44 und 45 schwanken. Der Adidas Energy Boost™ war mir mit 47 1/3 zumindest am rechten Fuß zu eng, so dass ich hier auf eine volle 48 hätte gehen müssen. Den Saucony ProGrid Kinvara 3 nun habe ich in 46,5 und 48 probegelaufen und bin dadurch zu dem Entschluß gelangt, dass in diesem Fall die Wahrheit in der Mitte liegt. Also trage ich diesen Schuh in 47 (US 12,5). So habe ich eine gute Daumenbreite Platz zwischem großem Zeh und Zehenboxkappe und stoße bergab nicht mit den Zehen vorne an. Dieser Schuh trägt sich nicht, wie beispielsweise der Adidas Energy Boost™ mit seiner Techfit-Innensocke, wie eine zweite Haut, er sitzt aber gut und vor allem das luftige Tragegefühl gefällt mir sehr gut. Damit meine ich nicht etwa, dass der Schuh wackelt oder schlabbert, sondern dass die Füße durch die Flexfilmkonstruktion einfach gut belüftet werden.

Laufstil
Mit einer Sprengung (?) von gerade einmal 4 Millimetern ist der Saucony ProGrid Kinvara 3 ein wahres Dynamikwunder. Der geringe Höhenunterschied von Ferse zu Vorderfuß ist geradezu prädestiniert für das Laufen auf dem Mittelfuß und selbst ich als eigentlicher Fersenläufer komme in dem Schuh in einen Tempo- bzw. Dynamikbereich, in dem ich mit meinen Füßen deutlich weiter mittig aufkomme und einen größeren Vortrieb habe. Was sich auf der Videoaufnahme vom Laufband bereits angedeutet hatte, bemerke ich in „freier Wildbahn“ noch deutlicher. Der Schuh animiert durch sein geringes Gewicht und die niedrige Sprengung dazu, ein schnelles Tempo anzuschlagen. Ich bin im ersten Testlauf sogar derart entfesselt gewesen, dass ich das erste Mal seit Jahren ein zu hohes Tempo angelaufen bin und mich nach rund fünf Kilometern etwas einbremsen musste, damit ich nicht am Ende aus den Latschen kippe.

Der Schuh ist durch seine Bauart ein absoluter Neutralschuh (?), keinerlei Stützfunktionen kommen hier zum Einsatz. Ich hatte eingangs bereits meine leidvolle Suche nach dem richtigen Wettkampfschuh erwähnt, die vor allem durch meine teils merkwürdigen Beinbewegungszusammenhang bedingt ist. Im Saucony ProGrid Kinvara 3 habe ich keinerlei Probleme, die auf eine falsche Schuhauswahl hindeuten lassen. Was ich aber bemerken muss ist die geringe Dämpfung, an die sich die Laufmuskulatur erst gewöhnen muss. Der Schuh ist relativ hart, sehr direkt und wer seine Muskulatur an diese Bauart gewöhnt hat, wird viel Freude beim Laufen haben. Besonders im Hinblick auf die zukünftig erhöhte Leistungsfähigkeit. Es gibt bei Schrittkultur und Brennr.de zwei Testberichte von leichten Überpronierern, die in diese Richtung noch weiter in’s Detail gehen. Schaut über die Links einfach mal rein.

Die Marketingmaschinerie
Der Werbetext zum Kinvara 3 liest sich auf jeden Fall sehr interessant. Ein Hauch von Schuh überzeuge auf allen Streckenlängen heißt es da. In kürzester Zeit sei der Saucony Kinvara zu einem Kultschuh geworden. Die große Vorfreude vieler Läufer auf die (hier getestete) dritte Generation verdeutliche dies. Der leichte Schuh mit der niedrigen Sprengung würde schnell zur positiven Sucht.
Aha. Mehr noch:

Mit dem Kinvara 3 ist Saucony eine perfekte Mischung aus natürlicher Dynamik und Komfort gelungen. Vor allem leichte bis mittelschwere Neutralläufer erleben damit ein aktives Laufvergnügen der besonderen Art. Auch längere Distanzen meistert das Leichtgewicht komfortabel.

Soweit die Theorie. Der Hersteller gibt zudem, wie bereits erwähnt, die Sprengung mit 4 Millimetern an. PROGRID-Dämpfung im Fersenbereich, eine abriebfeste Außensohle aus speziellem Karbongummi (XT-900) und Memory Foam für optimalen Halt in der Ferse wurden verbaut. Mit einem Gewicht von 218 Gramm pro Schuh bei US-Größe 9 befindet sich der Kinvara 3 im absoluten Leichtgewichtbereich, was Laufschuhe angeht.

“Grau is alle Theorie – entscheidend is auf’m Platz”
Was Adi Preißler schon wusste, gilt natürlich auch für uns Läufer. Ich kann gar nicht müde werden, dieses Zitat in meine Tests einzubauen. Nur meine Laufmuskulatur zu trainieren ist mir nicht genug. Ich will den Saucony ProGrid Kinvara 3 als Schuh im Wettkampf auf die Halbmarathondistanz laufen. Aber ist das überhaupt möglich? Zu diesem Zweck habe ich den Schuh aufgrund meines, rechtsseitig stärker ausgeprägten, Senkfußes (?) mit der für mich passenden
currexSole RUNPRO Einlage
in Medium ausgestattet, um den manchmal merklichen und dann unangenehmen Druck von meinem Innenrist zu nehmen.
2013-04-29 14.32.29
Ohne jetzt zuviel Werbung machen zu wollen, handelt es sich bei dieser Einlage um das Beste, was man seinen Füßen im Laufschuhbereich „antun“ kann. Denke ich zumindest. Abgesehen vielleicht von speziell gefertigten orthopädischen Einlagen.

Der erste Testlauf
Um mich an diese, für mich neue, Art Schuh zu gewöhnen, empfahl mir der Verkäufer, vorerst zweimal die Woche Strecken bis zu 10 Kilometern damit anzugehen. Wie weiter oben beschrieben, muss sich die Muskulatur erst an die veränderte Belastung gewöhnen und bei mir kommt hinzu, dass ich vom Fersenlauf weiter nach vorne auf den Mittelfuß umstellen will. Nicht auf biegen und brechen, aber vielleicht ist ein – wenn auch nur leicht – veränderter Laufstil als positiver Nebeneffekt des Schuhs als Bonus mitzunehmen. Die Strecke war ein rund acht Kilometer langer Mix aus Asphalt und Kopfsteinpflaster mit kurzer Passage über festen Naturboden. Bei trockenen Bedingungen und zugigem Wind habe ich mich aufgemacht.

Zuerst muss ich sagen: Ich glaube nicht, dass man in diesem Schuh langsam laufen sollte. Geschweige denn langsam laufen kann. Hat man den Kinvara 3 erst einmal am Fuß und betritt die Laufstrecke, will er einfach „ausgefahren“ werden. Wie ich weiter oben bereits angesprochen habe, bin ich zu schnell angegangen. Das passiert mir eigentlich nicht mehr, aber ich muss ja auch irgendwie die Grenzen des Machbaren ausloten. Trotzdem ist es mir im Kinvara 3 möglich deutlich unter vier Minuten pro Kilometer zu laufen. Bei gut 3:45m ist bei mir was längere Distanzen angeht eigentlich Ende im Gelände, aber gerade im Hinblick auf den 4. Kölner Altstadtlauf im Juli will ich zumindest über die 10km-Distanz nochmal zulegen. Und da wage ich die vorsichtige Prognose, dass diese Tempoerhöhung mit dem Kinvara 3 möglich sein kann.

Der Lauf mit diesem Schuh hat mich in ein regelrechtes Wohlgefühl versetzt. Ich habe tatsächlich mittendrin gedacht „Wie geil ist das denn?“. Nach vielen Wochen der Suche nach dem richtigen Wettkampf- bzw. Leichtgewichtsschuh, meinen plötzlichen Verunsicherungen im Bezug auf meinen Laufstil und vor allem das damit einhergehende Motivationsloch, kam dieser Lauf einem wahren Befreiungsschlag gleich. Ich hatte Freude, ich war schnell, ich fühlte mich befreit. Endlich kein Zweifel mehr beim Laufen, kein Horchen, ob sich nicht doch irgendwo Probleme ankündigen, die auf einen für mich falschen Schuh hindeuten.

Auf den ersten zwei bis drei Kilometern habe ich die veränderte Belastung der Muskulatur deutlich bemerkt. Ich bin ja bisher nur gut gedämpfte Schuhe mit hoher Sprengung gelaufen und benutze Minimalschuhe wie den Nike Free nur als Freizeitmodelle und nicht zum Training. Ich muss allerdings sagen, dass ich mich relativ schnell daran gewöhnen konnte und bin jetzt gespannt, ob es morgen nicht einen tüchtigen Muskelkater gibt.

Fazit
Der Ersteindruck ist prima. Ein abschließendes Fazit sowie meine persönliche Wertung des Schuhs werde ich nach meinem dritten Testlauf abgeben. Am kommenden Mittwoch will ich den Kinvara 3 auf meiner Trainingsrunde für das „Heimspiel“ über eine etwas längere Distanz antesten. Besonders hier wird sich zeigen, wie gut der Schuh und meine Ansprüche an ihn wirklich zusammenpassen. Ich werde diesen Beitrag dann entsprechend erweitern.

Update vom 01.05.2013
Der zweite Testlauf
Ich zitiere mich, wieder einmal, selber: „Wie könnte ich einen solchen Schuh besser auf Herz und Nieren prüfen, als mit ihm über die Trainingsrunde für das „Heimspiel“ zu laufen. Rund 12km Distanz, größtenteils Asphalt, wenig befestigter Naturboden, kurze und moderate Steigungen.“ Und so bin ich also mit dem Kinvara 3 auf einen Teil der Strecke gegangen, für den der Schuh bestimmt ist.

Eins gleich vorweg: Ich bin mit einem Kilometerschnitt von 3:58m nach Hause gekommen. Was bei den vorherrschenden Windverhältnissen gefühlt einem Selbstmord gleichkam. Mit meinem aktuellen Trainingsstand wäre ein solches Tempo bei den Bedingungen mit diesem Schuh im Wettkampf nicht möglich. Nach rund 10 Kilometern machte sich die veränderte Belastung der Muskulatur deutlich bemerkbar und insbesondere die Oberschenkel machten einfach „zu“. Nichtsdestotrotz empfinde ich mein Laufen im Kinvara 3 als dynamischer. Auch wenn ich dafür derzeit noch kräftig ackern muss. Ich denke aber, dass sich das Training mit dem Schuh für meine Laufmuskulatur auszahlen wird.

Asphalt ist dabei Griptechnisch die absolute Paradedisziplin dieses Schuhs, hier hatte ich zu keiner Zeit das Gefühl, nicht genügend Haftung zu haben. Der Abdruck ist dadurch kräftig und sicher. Dies gilt ebenfalls für befestigten Naturboden, lediglich bei lockerem Waldgeläuf rutschen die Füße in höherem Tempo im Abdruckvorgang minimal.

Saucony ProGrid Kinvara 3
Von der Rückgewinnung der (eigenen) Leichtigkeit.
Wertung: ★★★★★

Meine Befürchtungen den möglichen Muskelkater betreffend haben sich nicht bewahrheitet. Auch wenn das Laufen in diesem Schuh eine relativ große Umstellung für meine Muskulatur ist, macht sich doch vom ersten Tag an eine verbesserte Dynamik bei mir bemerkbar. Damit einhergehend kehrt – glücklicherweise – auch meine Motivation für das Laufen ansich zurück. Der Kinvara 3 begeistert mich vor allem mit seiner niedrigen Sprengung und dem geringen Gewicht und ich freue mich darauf, den Schuh im Wettkampf einzusetzen. Außerdem warte ich schon sehnlich auf den Mai. Denn da erscheint mit dem Saucony PowerGrid Kinvara 4 der direkte Nachfolger zu diesem wunderbaren Minimalschuh.

3 Kommentare

  1. Ich Läufe denn kinvara3 bei Ultras bis 85 km davor den 2kinvara der war noch besser gedampft geiler Schuh nicht nur für kurze Läufe

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