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Das Projekt „Heimspiel“ – Der Laufbericht

Gut 3 1/2 Wochen ist es her, dass ich beim 13. EVL-HalbMarathon Leverkusen an den Start gegangen bin. Wer regelmäßig auf dieser Seite mitliest wird wissen, dass es sich bei diesem Lauf um mein sogenanntes „Heimspiel“ gehandelt hat. Direkt nach dem Lauf habe ich Euch mit kryptischen Hinweisen auf meinen Gesundheitszustand versorgt, bin aber einen richtigen Laufbericht schuldig geblieben. Was also ist passiert? Konnte ich meine selbstgesetzten Ziele erreichen oder bin ich mit wehenden Fahnen untergegangen? Jetzt erfahrt Ihr es.

Beginnen wir, entgegen üblicher Gepflogenheiten, mit positiven Nachrichten: Ich konnte persönliche Bestzeit laufen und habe den 23. Gesamtrang bei rund 1400 Startern erreicht. Platz 5 in der Altersklasse M20 mutet auch nicht gerade schlecht an. Trotzdem lag mir der Lauf einige Tage schwer im Magen und noch schwerer in den Beinen. Aber was war passiert?

Ich habe einen Tag vor dem Start an dieser Stelle über muskuläre Probleme im rechten Oberschenkel berichtet, aufgrund derer ich mich drei Tage vor dem Lauf eigentlich gar nicht mehr bewegt habe. Ich wusste bis zum Start nicht, ob die Muskulatur überhaupt belastbar ist und wie sich das Laufen anfühlen würde. Beim normalen Gehen in den Tagen vor dem Start habe ich aber bemerkt, dass ich nicht „rund“ laufe. Mein Bewegungsablauf war durch eine Schutzhaltung des Körpers nachhaltig verändert und ich hatte große Sorgen, ob es in diesem Zustand Sinn machen würde zu starten. Allerdings habe ich monatelang auf diesen Tag hingearbeitet und wollte mir das Erlebnis unter keinen Umständen entgehen lassen.

Mein Tag hat dann sehr früh begonnen. Gegen viertel vor sechs war an Schlafen nicht mehr zu denken und ich musste aufstehen. Ab diesem Moment war eine riesige Nervosität ständiger Begleiter. Zum einen aus Vorfreude auf den Lauf, zum anderen aber auch aus den oben bereits beschriebenen Gründen. Mir ging es mental überhaupt nicht gut. Ich bekam die ständig kreisenden Gedanken über die schwere der Verletzung und ein mögliches Scheiterm beim Laufen oder einen kompletten Nichtstart nicht in den Griff. Ich wusste nur, dass ich Laufen will und zu mehr Positivem war ich gedanklich nicht mehr in der Lage. Und so stand ich kurz vor neun am Start.

Der Lauf
Aufgrund meiner letztjährigen Zeit durfte ich im Block der Spitzenläufer starten. Ein extra abgetrennter Bereich ganz zuvorderst, aus dem wir vor dem kompletten Feld starten konnten. Mit ungefähr 50 anderen Läufern stand ich also ganz vorn. Ein Grund zur Freude eigentlich. Zudem hatte sich Petrus nicht lumpen lassen und präsentierte mit bewölkten 15 Grad ein Tobias M. Walter-Wetter ohen Regen vom Feinsten. Die Bedingungen also waren optimal und so machte ich mich mit dem Startschuss auf, das Erreichen meiner Ziele in Angriff zu nehmen.

An dieser Stelle kann ich es relativ kurz machen: 300 Meter ging alles gut. Ab da begleitete mich ein stechender Schmerz im großen Oberschenkelmuskel hinten rechts. Da ich vorher keinen Belastungstest gemacht hatte, wurde mir jetzt klar, dass es sich nicht um ein bloßes Zipperlein, sondern vielmehr ein ernsthaftes muskuläres Problem handelte. Eigentlich der Zeitpunkt um es gut sein zu lassen und sofort auszusteigen. Aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dieses Rennen zu laufen und war dazu bereit, auch unter Schmerzen an diesem Vorhaben festzuhalten.

Jetzt kamen zur Verletzung allerdings noch andere Unwegbarkeiten hinzu, die vorher nicht abzusehen waren. Wenn man aus dem Spitzenläuferblock startet beginnt das Rennen zum Beispiel sehr schnell. Ich bin den ersten Kilometer, unter Schmerzen, in 3.25m gelaufen. Viel, viel, viel zu schnell. Selbst ohne Verletzung mindestens 30 Sekunden unter dem Schnitt, den ich laufen wollte. Mit Sören Kah allerdings lief der schnellste Mann des Jahres 2012 vor mir und es ist einfach so passiert. Ein böser Fehler, wie sich wenig später herausstellen sollte. Im ersten Drittel geht es relativ oft bergan. Ich konnte mich in einem gerade noch erträglichen Tempo einpendeln. Die ersten fünf Kilometer lief ich in 00:19:31. Der Oberschenkel schmerzte dauerhaft und der Lauf entwickelte sich immer mehr zur mentalen Zerreißprobe.

Glücklicherweise verlief die Strecke ziemlich genau bei Kilometer sieben vor meiner Haustür vorbei und ich überlegte ernsthaft, einfach in’s Haus abzubiegen und es gut sein zu lassen. Und dann sieht man – wie ich – Familie und Freundin, die sich mit Verpflegung und guter Laune bereit gestellt haben, um Unterstützung zu leisten, lässt sich nichts anmerken und läuft weiter. Rund 1 1/2 Kilometer ging es dann bergab, was mir zumindest ein bißchen Erholung verschaffte und mich weiterlaufen ließ. Die 10-Kilometer-Marke passierte ich in 00:39:57, die zweiten fünf Kilometer war ich also mit 00:20:26 deutlich langsamer unterwegs. Allerdings hatte ich jetzt den Kilometerschnitt erreicht, den ich eigentlich vom Start laufen wollte. Von jetzt an sollte ich allerdings dem viel zu schnellen Anlaufen und der Verletzung Tribut zollen. Kann ein halbwegs trainierter Körper 10 Kilometer auch mit muskulären Problemen noch irgendwie wegstecken, wird es bei der doppelten Distanz richtig kritisch. Zudem hatte mein Körper sich offenbar entschieden, aufgrund der Schmerzen in einer Schonhaltung zu laufen und so bemerkte ich bei der Hälfte der Strecke recht deutlich, wie meine Laufmuskulatur langsam „dicht“ macht.

Den schönsten Teil der Strecke war ich nurmehr damit beschäftigt, mir immer wieder Durchhalteparolen durch den Kopf gehen zu lassen. Da ich außerdem niemanden überholen konnte, sondern vielmehr ab und an selbst eingeholt wurde, gestaltete sich selbst der mentale Teil des Laufs zunehmend schwieriger. Ich wusste, dass es bei Kilometer 13 nochmal zu einem langen Anstieg kommen würde und quälte mich wie im Delirium über das Gelände der Landesgartenschau. Auf dem folgenden, wohl gleichlangen, abfallenden Streckenteil schaffte ich es nicht mehr, körperlich wieder in die Reihe zu kommen und war mir sicher, dass die letzten sechs Kilometer die vielleicht schwersten in meiner Laufbahn (das ist wörtlich zu verstehen…) werden würden. Oben am Berg konnte ich zuvor zumindest einen Runner’s Point Local Hero überholen, der wie ich offensichtlich mit Oberschenkelproblemen zu kämpfen hatte und an dieser Stelle aus dem Rennen ausstieg. Unter normalen Umständen wäre ein Überholen ohnehin utopisch gewesen.

Ich hatte mich also im Kopf bereits darauf eingerichtet, dass die jetzt folgenden sechs Kilometer nur noch durch bloße Willenskraft zu überstehen sein würden. Mein Körper hatte nichts mehr zu geben, soviel war sicher. Die Beine waren bleischwer, der stechende Schmerz hatte es sich im rechten Oberschenkel längst gemütlich gemacht. Ich bekam kaum noch die Füße nach oben und schleppte mich in fürchterlichem Zustand über die Strecke. Doch es sollte noch schlimmer kommen:

Just hatte ich die 15-Kilometer-Marke passiert und mich noch einmal verpflegt, als ich vom Gelände der Landesgartenschau auf den Streckenteil an der Rheinaue einbog. Und was soll ich sagen? Gegenwind. Marburger Verhältnisse. Kalter, harter Gegenwind. Das erste Mal im Leben schimpfte ich auf das Tobias M. Walter-Wetter. Vier Kilometer ging es jetzt geradeaus. Voll im Wind. Ein Ende des Streckenteils war nicht abzusehen, alles grau in grau und ich mitten drin. Mehr als einmal sagte der Kopf jetzt: „Wenn Du jetzt gehst, kommst Du trotzdem unter zwei Stunden an.“ Eine verlockende Möglichkeit. Doch irgendwo mitten in der Pampa rief ein älterer Herr auf die Strecke, ich läge auf Kurs 01:21:00. Ich hatte schon gar nicht mehr die Kraft, mich zu fragen, wie das möglich sein soll, habe aber gedacht: Selbst wenn der Mann die Uhr wohl nicht richtig lesen kann, bin ich scheinbar noch in annehmbarer Zeit unterwegs. Da war er also, der Motivationsschub für die letzten Kilometer. Mit letzter körperlicher wie mentaler Kraft schleppte ich meinen abgewrackten Körper an den „Sauberg“, eine etwa 200 Meter lange und richtig steile Rampe, die in normaler Verfassung aufgrund der übersäuerten Muskulatur schon schwierig ist. In meiner Verfassung allerdings kann ich im Nachhinein von Glück sagen, dass ich nicht rückwärts den Hügel wieder runter gerollt bin. Das hat richtig, richtig weh getan. Und oben angekommen habe ich mich quasi nicht mehr bewegt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich in den letzten Jahren jemals so langsam gelaufen bin, wie in diesem Moment. Aber es galt die letzten zwei Kilometer zu überstehen. Irgendwie. Und mehr gab es für mich auch nicht mehr zu holen. Den letzten Kilometer kann man eigentlich nochmal gut Tempo machen, es geht zumeist bergab bis zum Ziel. Ich konnte nichts mehr und wurde zudem noch von zwei oder drei Kontrahenten überholt. Unfassbar frustrierende Momente.

Als ich die letzte Kurve Richtung der Zielgeraden genommen hatte und die letzten 300 Meter vor mir sah, hätte ich vor Glück heulen können. Hätte ich gekonnt. Nichtmal das ging. Ich habe noch irgendwie wahrgenommen, dass die Zielgerade von richtig vielen Zuschauern gesäumt wurde. Das war aber alles schon nicht mehr richtig bewusst, ich war völlig weg. Als ich 50 Meter vor dem Ziel die Uhr, welche 01:27:xx ausgewies, sah, habe ich den kürzesten und schmerzhaftesten Schlussspurt aller Zeiten angezogen.

13. EVL-Halbmarathon Leverkusen 2013, Tobias M. Walter, sportonline-foto.de, Bild 1

Und dann war es vorbei.

Epilog
Sanitäter, Krankenfahrstuhl, Medizinzelt. Totaler Zusammenbruch. Aber: schön, so einen Lauf auch mal von dieser Seite kennen zu lernen. Die medizinische Versorgung war hervorragend und die Sanitäter und Ärzte freundlich. Und wenn man, wie ich, erstmal in so einem Zelt auf der Bahre liegt und rundum versorgt wird, bekommt man doch schnell wieder das Gefühl, etwas geleistet zu haben. Im Übrigen scheine ich, bis auf die muskulären Probleme, in körperlicher Topform gewesen zu sein. Mein Blutdruck direkt nach dem Lauf lag bei 100 zu 60, man würde wohl nicht denken, dass ich soeben 21,0975 Kilometer laufend absolviert habe. Etwas unterzuckert war ich auch, aber nach einer halben Stunde Ruhe kam ich zumindest soweit auf die Beine, dass ich mich – von der Freundin gestützt – bis zum Auto schleppen konnte. Der restliche Tag allerdings war irgendwie nicht mehr so recht zu gebrauchen. Beim Essen ist mir mehrmals die Gabel aus der Hand gefallen und ich war durch.

Am nächsten Tag habe ich dann erstmal sechs Stunden als Notfall beim Orthopäden verbracht, um die schwere der Verletzung abschätzen zu lassen. Eine Ultraschalluntersuchung später war eine ordentliche Muskelverhärtung bestätigt und ich war zumindest froh, dass nicht noch was gerissen ist. Ich bekam einen schönen Tapeverband und die Anweisung, allenfalls leichte Läufe zu unternehmen. Das habe ich dann Ende der Woche auch versucht und bin drei Tage unter Schmerzen auf leichten (und somit doch schwersten) Läufen unterwegs gewesen. Das war der Moment in dem ich mir das erste Mal, seit ich bewusst laufe, eine Zwangspause von mindestens einer Woche verordnet habe.

Mittlerweile ist die Verletzung, glaube ich, gut abgeheilt. Manchmal merke ich ein leichtes Ziehen an der betroffenen Stelle. Aber ich kann wieder richtig Gas geben. Und das muss ich auch. Übermorgen wartet mit dem Marburger Nachtmarathon, bei dem ich den Halbmarathon absolvieren werde, die nächste Herausforderung. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und in 11 Monaten geht’s bestimmt auch in Leverkusen wieder auf die Strecke.

Rückblickend muss ich anmerken, dass ein solcher Lauf mit Verletzung eine absolute Dummheit ist. Ich rate Euch dringend davon ab, sich so etwas anzutun. Ich musste an diesem Tag laufen. Es gab Gründe. Außerdem sehe ich meine Leistung, trotz meiner Enttäuschung über die Verletzung und eine verpasste bessere Zeit, als Beweis dafür an, dass der Geist den Körper besiegt. Und möchte an dieser Stelle „Burning Heart“ von Survivor zitieren:

In the warriors code
There’s no surrender
Though his body says stop
His spirit cries – never!

In diesem Sinne.

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