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Das Wettkampfschuh-Desaster – Eine Realsatire

Wie der ein oder andere von Euch vielleicht gemerkt hat, war es in den letzten Wochen rund um das Projekt Heimspiel sehr still. Nach meinem Test zum Adidas Energy Boost und dem Unboxing-Video des Adidas Adizero Boston 3 habe ich aus der Ecke des Laufsports keine weiteren Nachrichten verlauten lassen. Das hat ein einfachen, aber auch frustrierenden Grund: Alles, was ich über meine Füße und mein Laufen zu wissen glaubte wurde (teilweise) widerlegt und hat mich in eine kleinere „Krise“ gestürzt. Doch beginnen wir von vorn.

Für meine hochgesteckten Ziele im Bezug auf meine Wettkampfteilnahmen in diesem Jahr hatte ich mir unverrückbar in den Kopf gesetzt, einen zusätzlichen Wettkampfschuh zu benötigen. Ich laufe meine Adidas Supernova Glide mittlerweile in der Versionsnummer 5. Dieser Schuh ist mit über 300 Gramm relativ schwer, die Sprengung von 12mm zudem hoch. Eigentlich nicht der richtige Schuh für einen schnellen (Wettkampf-)Lauf. Da ich mir schon öfter den Adidas Adizero Boston 3 angesehen habe und er auf den ersten Blick wie der kleine, leichtere Bruder meines Schuhs daherkommt, habe ich mich dazu entschieden, besagtem Schuh auszuprobieren. Mein erster Versuch endete bekanntlich so. Der zweite Versuch begann dafür umso verheißungsvoller. Also habe ich die Schuhe angezogen und mich erstmal gewundert. Wieso sieht den mein rechter Fuß so komisch aus? Scheinbar war das Obermaterial schief auf die Sohle aufgebracht worden und mein Fuß sah im Schuh so aus, als könne ich nur auf der Innenkante mit ihm laufen. Wirklich sehr merkwürdig.

Ein Blick auf meine Füße beim ersten Testlauf bestätigte meine Vermutung. Ich sah auf einmal zwei völlig unterschiedliche Füße beim Aufkommen auf und Abdrücken vom Boden. Und damit meine ich nicht, dass ich einen linken und einen rechten Fuß beobachtete… Tatsächlich waren da auf einmal zwei Füße mit einem unterschiedlichen Bewegungsablauf. Nach meinem zweiten Testlauf bestätigte mir der rechte Knöchel meine Beobachtungen durch starke Schmerzen im Innenbandbereich. Irgendwas stimmte also ganz und gar nicht. Aber lag es nur am (schlecht verarbeiteten) Schuh oder gab es einen anderen Grund? Ich wollte es genau wissen.

Bilder des Grauens
In der nächsten Runner’s Point-Filiale habe ich mir ein frisches Paar geben lassen und bin zur Videoanalyse auf’s Laufband gestiegen. Und das Ergebnis hat mich dann relativ schwer erschreckt: Der rechte Fuß hat in einer Art und Weise überproniert (?), wie ich es bei mir selbst noch nie gesehen habe. Überhaupt muss ich an dieser Stelle meine Behauptungen über mich selber im Bezug auf das Laufen korrigieren. Ich komme bei langsamem Tempo auf der Außenkante der Ferse auf, bin im Abrollvorgang relativ neutral und habe dennoch einen Hang zur Überpronation. Ich supiniere nicht und bei einem Tempo um 12 km/h laufe ich über die Ferse und nicht auf dem Mittelfuß. Wird der Laufvorgang schneller und dynamischer trete ich auch weiter vorne auf. Hinzu kommt, dass ich einen Senkfuß habe, der auf der rechten Seite stärker ausgeprägt ist als links. So weit, so gut. Was war jetzt aber das Problem mit dem Boston 3?

Es gibt einen entscheidenden Faktor, den ich nicht bedacht hatte und der mir nicht bekannt war. Der Supernova Glide hat, weil er ein bequemer und angenehmer Trainingsschuh sein soll, einen breiten Leisten (?). D.h., die Sohlenfläche im Bereich des Mittelfuß ist relativ breit gehalten. Der Boston 3 muss, um das Gesamtgewicht zu reduzieren und dynamischer zu sein, Material sparen. Sein Leisten ist deutlich schmaler als der des Supernova Glide. Mit meinem Augenmaß würde ich auf mindestens 25% – wenn nicht sogar 1/3 – weniger Fläche tippen. Als überpronierender Senkfuß rutscht man beim Aufkommen mit der Innenkante des Fußes über den Leisten und drückt damit zum einen den Innenrist voll in die Sohle, zum anderen wirkt die Überpronation deutlich schwerer auf das betroffene Gelenk. Ich kann Euch versichern: Es sah wirklich grausig aus.

Ich habe mich gut und sehr lang mit dem (und ich will es an dieser Stelle betonen!) kompetenten Verkäufer unterhalten und wir haben verschiedene Möglichkeiten durchprobiert. Gelandet sind wir am Ende beim Saucony Progrid Kinvara 3 mit entsprechenden Einlagen, die dem vom Senkfuß ausgehende Druckgefühl rechtsseitig entgegenwirken. Auf dem Laufband sah die Bewegung deutlich dynamischer aus, das Einknicken war mitnichten so grausig wie beim Boston 3 und ich hatte ein gutes Gefühl. Einziges Problem: In 46,5 war der Schuh eine halbe Nummer zu klein, in 48 deutlich zu groß. Eine 47 wäre also angebracht gewesen. Und eben die gab es nicht mehr. Weder im Lager, noch im Bestellsystem, noch sonstwo. Kein Schuh in meiner Größe da. Wir haben uns dann darauf verständigt, eine Anfrage zu stellen, ob der Schuh bis Mitte Mai lieferbar wäre. Viel Hoffnung bestand aber nicht.

Jetzt mag der ein oder andere sagen: „Ja, moment! Du hast doch noch den Energy Boost! Was ist denn damit?“. Dem möchte ich entgegen halten, dass ich nach rund 50 Kilometern im Schuh gemerkt habe, dass es am rechten Fuß einfach nicht passt. Und damit meine ich keine Gelenkschmerzen o.ä., die Zehenbox ist in 47 1/3 einfach einen Tick zu schmal für meinen Fuß, der im Supernova Glide in 46 2/3 gut Platz hat. Ich hatte immer ein Druckgefühl, weil meine Ringzehe angestoßen ist. Kein Gefühl, dass man in einem 150-Euro-Schuh haben möchte. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich hatte immer noch (oder auch: wieder keinen) Wettkampfschuh. Dank der Runner’s Point Zufriedenheitsgarantie war die Rückgabe des Energy Boost übrigens problemlos möglich. Das empfinde ich als tollen Service und kundenorientiertes Handeln. Ein dickes Lob an dieser Stelle. Denn wie es anders geht, beweist DAS „Lauffachgeschäft“ hier in Marburg.

DAS „Lauffachgeschäft“
Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich beinahe jeden Tag an einem kleinen Laufshop vorbei, den ich aber nie von Innen gesehen hatte. In meiner Verzweiflung bin ich vorgestern dann dort zum Kunden geworden. Ebenfalls mit Laufbandanalyse habe ich verschiedene Modelle probiert, mehr als einmal deutlich mein (oben im Detail beschriebenes) Problem vornehmlich mit dem rechten Fuß beschrieben und mich dann vom Tragegefühl quasi blind für den Mizuno Wave Elixir 8 entschieden. So weit, so… Dem Laufschuhkenner wird spätestens an dieser Stelle aufgefallen sein, dass der Wave Elixir ein sogenannter Stabilitätsschuh (?) ist. Jetzt bin ich aber jahrelang nur meine Neutralschuhe – also Schuhe ohne Stütze – gelaufen und meine einzigen Erfahrungen mit Stabilitätsschuhen sind sehr schmerzhafte, weil ich mir vor meinem ersten richtigen Paar Schuhe mit Kaufberatung blind solch ein Modell gekauft hatte. Kurz: Ich traue solchen Schuhen bei meinen physischen Voraussetzungen nicht über den Weg.

Ich bin dann zwei Kilometer angelaufen und hatte ein ungutes Gefühl. Wahrscheinlich mehr durch die Angst vor dem Schmerz verursacht als durch ein tatsächliches Problem, aber irgendwie stimmte da was nicht. Naja, kann ja mal passieren. So habe ich die Schuhe wieder eingepackt und bin zurück zu DEM „Lauffachgeschäft“ in Marburg gegangen. Ich schilderte mein Problem und erbat eine Rücknahme. Und siehe da: Rücknahme war nicht.

Ich sei schließlich zwei Kilometer gelaufen. Der Schuh ist ja nicht mehr neu. Und überhaupt nehme man nie etwas zurück. Allerhöchstens sein ein Tausch in ein anderes Paar möglich. Aber welches? Ich sei ja vorhin schon nicht überzeugt gewesen. (Frechheit übrigens, wenn man keine Zeit für EINEN Kunden aufbringen kann, weil nach und nach VIER im Laden sind, die zu 50% weiblich und damit deutlich interessanter für einen Durchschnitts-Al-Bundy im mittleren Alter sind.) Aber er könne ja mal eine Ausnahme machen. Vielleicht. Das macht der Chef aber nie. Aber wie denn auch? Denn es ist ja jetzt auch nicht ausreichend Bargeld da, um mir den Kaufpreis zurück zu erstatten. Höchstens die Hälfte. Aber ich könne ja morgen noch mal kommen. Dann sei auch der Chef da. Ach, der Chef, der nichts zurück nimmt? Ja, genau der! Toll.

Warum er mir den einen Schuh verkaufe, bei dem nicht klar ist, ob ich damit zurechtkommen kann? Und wie es überhaupt sein kann, dass ein Schuh im Lauf auf dem Laufband ganz gut aussieht am Fuß, aber in freier Wildbahn andere Seiten zeigt? Jaaa… (Jetzt bitte festhalten!) Man solle seine Schuhe auch nicht immer nach dem Aussehen kaufen!

Frechheit. Erstens kaufe ich keinen Schuh, weil er gut aussieht. Am Fuß oder einfach nur so. Das ist mir scheißegal. Ich nehme den Schuh, der für mich funktioniert. Zudem habe ich vorher deutlich gesagt, zu welchem Zweck ich welche Art Schuh haben will und wo meine Probleme mit meinen Füßen und damit einhergehend auch mit den Schuhen, die ich trage, sind und sein können. (Bitte nochmal festhalten!) Andere Leute könnten schließlich auch toll laufen, obwohl sie dabei ganz behindert aussähen und man sich fragt, wie die überhaupt vorwärts kommen.

Ich fasse das mal sehr subjektiv zusammen: Dem „Fachverkäufer“ – seit 10 Jahren Leiter diverser Trainingsgruppen in und um Marburg – in DEM „Lauffachgeschäft“ ist also egal, ob er mir einen Schuh verkauft, der gut für mich ist. Hauptsache ich kaufe einen. Wenn ich dann damit – wider Erwarten – nicht zurecht komme: Selbst schuld! Man kauft Schuhe schließlich nicht nach dem Aussehen. Und andere Leute haben auch Schmerzen beim Laufen, aber das ist alles eine Frage der Einstellung. Viel Spaß mit den 135 Euro, die soeben in Rauch aufgegangen sind.

Im Übrigen bin ich kurz davor, hier sowohl alle Namen von Verkäufer und Geschäft zu nennen, als auch auf bekannten Laufplattformen im Internet meine Geschichte zu erzählen. Gerne noch etwas mehr ausgeschmückt. Der einzige Faktor, der mich davon (noch) zurückhält, ist die Tatsache, dass ich einfach nicht davon ausgehen darf, ein Einzelhändler handle (auch) in meinem Interesse. Er MUSS schließlich nichts zurück nehmen, was mir nicht „gefällt“. Er KÖNNTE es aber. Zumindest, wenn er mich als zufriedenen Kunden behalten möchte. Wobei sich das aber wohl nicht rechnen würde. Offensichtlich sind einmalig 135 Euro mehr wert als meine fortwährende Kundschaft. Die es aller Wahrscheinlichkeit nach gegeben hätte, weil in dem Laden neben Schuhen auch eine Reihe interessanter Kompressionsklamotten und anderen Utensilien zu finden war, die ich früher oder später gekauft hätte. Was ich jetzt, zumindest in DEM „Lauffachgeschäft“ in Marburg, nicht mehr tun werde.

Kurze Eigenwerbung
Den Mizuno Wave Elixir 8 habe ich übrigens bei eBay eingestellt. Zumindest symbolische zwei Mark fuffzich will ich wiederhaben. Wenn Ihr Euch dafür interessiert, klickt diesen Link an.

Eine unendliche Geschichte?
Und so sitze ich also heute Abend zu Hause und berichte Euch von meiner Odyssee, die mir nicht nur tierisch auf die Nerven gegangen ist, sondern auch ein ausgewachsenes Motivationsloch im Bezug auf mein „Heimspiel“-Training zur Folge hatte. Ich fühlte mich mittlerweile sogar in den so liebgewonnenen Supernova Glide unwohl. Aber vielleicht geschehen noch Zeichen und Wunder. Wie vielleicht zu bemerken war, mache ich in der Sidebar rechts ein wenig Werbung für die Shoppingplattform mysportbrands.de (mehr dazu hier). Dort gibt es in regelmässigen Abständen wechselnde Angebote im Bereich der Sportbekleidung und -Schuhe. Und heute Abend, ja… Heute Abend, da gab’s auf einmal den Saucony Progrid Kinvara 3 in 47 zu bestellen. 25 Euro unter dem Ladenpreis. Und in 47. In 47! Vielleicht wird irgendwann doch noch alles gut.

1 Kommentar

  1. Hallo,

    Ich würde mal was erzählen.
    Ich habe auch adidas Adizero Boston boost 5 gekauft. Ich laufe 20-30km/woche, 3:10-5:10er Bereich. Ich mache Triathlon, Sprint Distanz.
    Ich wollte eine schnelle Schuhe haben, damit ich 5 km bei Wettkämpfen laufen kann.
    Mir wurde die Schuhe empfohlen, sie kennen mich auch dort, bin schon mal aufs Laufband mit Videoanalyse gelaufen.
    Auf dem Video sah alles gut aus, also gekauft.
    Letztes Jahr musste ich 2 Monate Pause machen, da ich Knochenhautentzündung hatte.(innere Seite vom Schienbein)
    Ich habe eher senkfuß und überprop., aber das war ja vorher bekannt.
    Ich habe dann eine new balance vazee prism stabilitätschuhe gekauft. Alles wunderbar, bin schmerzfrei.
    Letzte Woche dachte ich mir, ich ziehe die Adidas mal an, mal schauen ob meine Beine stärker geworden sind usw.
    Fazit -> Schmerzen ohne Ende!!!

    Ich kann jeder, der Senkfuß und überprop hat, abraten, solche Lightweight Schuhe zu kaufen. Ich/Wir brauchen stabilität, weil wir leider falsch laufen.

    Inzwischen habe immer noch keine passende Schuhe gefunden, was mir passen würde aber auch leicht. Ich versuche jetzt mit Puma Speed 300 ignite, mal schauen.

    Ich werde mich in paar Wochen melden, ob die Schuhe mir geeignet sind

    LG
    Balazs

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