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„Lerchenberg“ (Review)

Am 28.03.2013 wurde eine weitere hoffnungsvolle Miniserie der öffentlich-rechtlichen Sender im Spartenprogramm von ZDFneo versendet: „Lerchenberg“. Komplett am Stück, alle vier 25-minütigen Folgen hintereinander ab 22:45. Das ZDF selber wird die Serie ab dem 05.04.2013 Freitagsabends jeweils um 23 Uhr wiederholen. Dieser Vorgang erinnert nicht wenig an die Ausstrahlungspolitik der ARD den „Tatortreiniger“ betreffend, welcher bei seiner Erstausstrahlung ohne Ankündigung über die Weihnachtstage im Nachtprogramm gezeigt wurde. Mittlerweile hat „Der Tatortreiniger“ zwei Grimme-Preise 2012 und den Deutschen Comedypreis 2012 im Portfolio. Hinzu kommen Nominierungen für den Bayrischen sowie Deutschen Fernsehpreis. Nicht schlecht für eine Serie, die der Sender offensichtlich vom Publikum fernhalten wollte.

Nun also „Lerchenberg“. Sascha Hehn, einer älteren Generation bekannt aus der „Schwarzwaldklinik“ und vom „Traumschiff“, spielt Sascha Hehn. Einen (in dieser Serie) abgehalfterten, gealterten und finanziell ruinierten TV-Star, der mit Hilfe der Redakteurin Billie sein TV-Comeback versuchen will. Diese steht im Mittelpunkt der Serie, versucht sie doch mit innovativen TV-Konzepten bei ihrer Vorgesetzten zu punkten und sich beruflich zu verbessern. Bis ihr Sascha Hehn in die Parade gefahren wird.

Was erreicht werden soll, scheint klar: Das ZDF will sich mit reichlich Selbstironie und dem, sich konterkarierenden, Hehn an US-Serienhits wie „30 Rock“ orientieren und sich offenbar einem jüngeren Publikum öffnen. Um die Stammzuschauerschaft nicht zu verschrecken, versteckt man seine satirische Sitcom aber erst im Spartenkanal und dann hinter dem Freitagskrimi. Ich habe die Hürde genommen und mir ein Urteil über alle vier Folgen gebildet.

Folge 1 – Das Wunder
„Und wenn keiner guckt, ist es auch kein Fernsehen!“
Wertung: ★★★☆☆

Die aufstrebende Redakteurin Sybille „Billie“ Zarg bekommt im Casting zu ihrem neuen Filmprojekt von ihrer Chefin den alternden TV-Star Sascha Hehn vorgesetzt. Der hat sich keineswegs aufgegeben und denkt nicht im Traum daran, sich für eine Nebenrolle als Arzt casten zu lassen. Er will sich als autistischer Hauptcharakter im Rollstuhl präsentieren. Besser noch: als taubstummer Autist im Rollstuhl. Dreifache Behinderung führe schließlich unweigerlich zum Fernsehpreis. Mit dieser exklusiven Meinung stößt er beim schwerbehinderten Autoren des Films auf Widerstand und wird nicht besetzt. Billie hat diese Katastrophe zu verantworten und soll fortan ein innovatives Konzept entwickeln, um Hehn zurück auf die TV-Bildschirme zu bringen. Ihr Herzensprojekt wird an eine Volontärin übergeben.

Die Eröffnungsfolge fackelt nicht lange und präsentiert ihren Protagonisten Hehn von Beginn an schön rücksichtlos und ichbezogen. Erst sperrt er den rollstuhlfahrenden Autoren eines Films per Querparken im Auto ein, dann gibt er im Casting eine richtig peinliche Interpretation seiner Figur zum Besten. Ihm gegenüber steht Billie, die aber auch so gar nichts mit ihm anfangen kann und will. Zudem fungiert sie als Opfer für alle erdenklichen Asozialitäten der Kollegen. Die Chefin jubelt ihr den ehemaligen Liebhaber Hehn unter, die Volontären greift nicht nur ihren Job sondern auch ihre heimliche Liebe Phil ab. Die Situationen der ersten Folge sind absurd-schräg, die Dialoge tun ihr Übriges. Kein überragender, aber ein guter Start. Sehenswert: Michael Benthin als Drehbuchautor.

Folge 2 – Ein Fall für zwei
„Kommt doch überhaupt nicht in Frage. Sascha Hehn entschuldigt sich bei niemandem!“
Wertung: ★★★★☆

Es scheint aufwärts zu gehen für Sascha Hehn. Die Probeaufnahmen zu „Ein Fall für zwei“ sind überzeugend genug, er hat die Rolle. Zusammen mit Wayne Carpendale soll er das neue Ermittlerduo spielen. Aber gleich zu Beginn der Dreharbeiten kommt von ganz oben die Ansage, dass Sascha die Rolle auf keinen Fall bekommen soll. Später kommt er der „schwarzen Liste“ des ZDF auf die Spur, während Billie ihrer Volontärin den Job rettet. Das Drehbuch ihres ehemaligen Projekts muss umgearbeitet werden und die unter Prüfungsangst leidende Judith kriegt kein Bein auf den Boden.

Folge zwei präsentiert sich ein deutliches Stück schwarzhumoriger als der Opener und tut gut daran. Billies Hilfsbereitschaft beschert der Volontärin Judith ein weiteres Mal einen Sprung auf der Karriereleiter und Hehn scheint es sich in der Vergangenheit aber auch wirklich mit allen verscherzt zu haben. Vor allem mit Serien-Chef Dr. Bode (Stephan Kampwirth, der im Stuttgarter Tatort ganz großartig war), dessen Freundin und Mutter offensichtlich den Verführungskünsten des Altcharmeurs erlegen sind. Das ZDF kriegt im Puncto Bestechung ordentlich sein Fett weg und irgendwie entsteht hier tatsächlich der Eindruck, als meinte der Sender es ernst mit dem selbstironischen Humor. Und dann ist da ja noch Sascha Hehn, der von sich selber wie Chuck Norris in der dritten Person spricht. Oder mit Wayne Carpendale einen literaturpreisverdächtigen Dialog führt: „Uuuh, ein Wasser. Geschüttelt oder gerührt?“ […] – „Wayne interessiert’s?“ – „Ah, witzig. Noch nie gehört.“

Folge 3 – Du bist was Du isst
„Du kannst gar nicht kochen?“ – „Ich musste auch nicht Medizin studieren, um einen Oberarzt zu spielen.“
Wertung: ★★★½☆

Hehn kommt auf die geniale Idee, eine Kochsendung zu machen. Aus Mangel an Alternativen lässt sich Billie davon überzeugen, eine Sendung über gesunde und richtige Ernährung mit dem Schauspieler zu konzipieren. Aber Sascha Hehn wäre nicht Sascha Hehn, wenn er das Fass am Ende nicht zum überkochen bringen würde.

Konnte man in den ersten beiden Folgen noch leise Zweifel haben, ob Sascha Hehn wirklich wie der Elefant im Porzellanladen über den Lerchenberg wandert – jetzt sind sie dahin. Aus einer innovativen Ernährungssendung wird eine HalliGalli-Primetime-Show, Waisenkinder werden als billige Alternative zur Kinderstatisterie vorgeführt und am Ende steht das Studio in Brand. Natürlich ist Billies mögliche Rehabilitation dahin. Die betrinkt sich mittendrin wenigstens ordentlich und landet mit Phil im Bett. Allerdings nicht, ohne am Ende festzustellen, dass es für ihn ein peinlicher Ausrutscher war. Das völlig übersteigerte Ego und die gleichzeitige Hilflosigkeit Hehns machen mit zunehmender Seriendauer immer mehr Spaß. Und spätestens ab dieser Folge kann man wirklich Mitleid mit Billie haben, die von einem Elend in’s Nächste schlittert.

Folge 4 – Sascha hautnah
„Der Sascha hautnah!“ – „Sind die Zeiten so schlecht, dass ich wieder Softpornos machen muss?“
Wertung: ★★★★☆

Redaktionsleiterin Dr. Wolter macht Druck. Billie soll endlich ein Format für Sascha an den Start bringen – und zwar erfolgreich, billig und schnell. Nachdem alle vorherigen Versuche gescheitert sind, soll jetzt eine Reality Dokusoap den erhofften Erfolg bringen. Und woran soll so ein wasserdichtes Konzept schon scheitern, wenn nicht an Sascha hautnah?

Das Staffelende (respektive vorerst Serienende) wartet mit einigen Höhepunkten auf, die in ihrer Vielzahl fast schon diese Episode sprengen. Hehn versucht sich auf dem Parkplatz hoch zu schlafen, kauft sich für seine eigene Dokusoap eine Familie mit der er in einer erschlichenen Wohnung sitz, während im das Autohaus seinen Wagen unterm Hintern wegpfändet und er bereits ohne einen Cent in der Tasche in einem Zelt am See wohnt. Zwischendrin gibt’s eine irre Stalkerin oben drauf und Billie wird von Phil abserviert und als Mainzelmännchen-Reporter zur Fastnachtsveranstaltung des ZDF strafversetzt. Ich will das Ende nicht vorweg nehmen, schauen Sie sich zumindest diese Folge selber an. Hätten alle vier Folgen der Serie eine ähnliche Qualität, diese Serie wäre ein großer Wurf geworden. Was mich zum Fazit führt.

Fazit
„Ich will einfach nicht, dass Sascha da jetzt wie ein Arsch rüberkommt.“ – „Vielleicht hättet ihr euch dafür einen anderen Protagonisten suchen sollen? Vorher?“
Gesamt: ★★★½☆

„Lerchenberg“ ist selbstironisch. Eigentlich schon zu selbstironisch, um die Stammzuschauer des ZDF nicht zu verwirren und zu verprellen. Das wird wohl der Hauptgrund für die merkwürdigen Sendzeiten sein. Sascha Hehn nimmt sich mit einer derartigen Leichtigkeit selbst auf die Schippe, dass es beim Zuschauen eine Freude ist. Allerdings ist diese Serie tatsächlich eine Sitcom und keine Mockumentary wie beispielsweise „Stromberg“. Das schafft bei aller Selbstironie und realkritischen Referenzen zum ZDF und dem TV-Betrieb zwar einen angenehmen Abstand, bleibt aber in einer gebührenfinanzierten Wohlfühlzone. Fremdscham wird beim Zuschauen nicht aufkommen, dafür wird man im schlimmsten Falle gut unterhalten. Ob das für das ZDF reicht, um sein Programmportfolio erfolgreich für eine jüngere Zuschauergeneration zu erweitern, entscheiden am Ende die Zuschauer. Und von denen gab es bei der Erstausstrahlung leider nicht allzu viele.

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